Wähler tappen im Dunkeln

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Lange Zeit war es dunkel in Kre­feld. Sehr dunkel. Am Tage nicht. Dafür hatte die Stadt alle Be­stre­bungen, die Nacht noch dunkler zu ge­stalten als orts­üb­lich, in die Tat um­ge­setzt. In einer bei­spiel­losen Ak­tion mar­kierten mu­tige Mit­ar­beiter La­ternen mit roten Ringen. Im­merhin sollte man ja in der Nacht sehen, welche La­ternen nicht leuchten.

So kam es, dass die Dun­kel­heit in der Nacht nun schwarz war. Kaum ein Kre­felder traute sich noch vor die Tür. Die Katzen, plötz­lich al­leine ge­lassen, hoben all­abend­lich zum großen Jam­mern an. Im ersten Ta­ges­licht räumten dann die selben Be­diens­teten, die zuvor die La­ternen an­malten, die Wurf­ge­schosse der Kre­felder von den Straßen. Da es mit den Katzen immer schlimmer wurde und die streu­nenden Hunde sich dazu ge­sellten, kamen sie mit den Räu­mungs­ar­beiten nicht mehr hin­terher. Die Straßen waren übersät mit Brat­pfannen, Por­zellan und Blu­men­töpfen. Der Ver­kehr, also der am Tage, stand still. In der Nacht, so­bald das jau­lende Vieh­zeug be­friedet war, sanken die Bürger in die Arme ihrer Elfrieden.

So kam es eines Tages, dass einer der Ver­ant­wort­li­chen sich zu­tiefst durch bür­ger­liche Mei­nung ge­stört sah. Da hatte er doch tat­säch­lich ge­hört, dass die Wähler bei der nächsten Wahl nicht wählen wollten. Wie denn auch, ant­wor­teten sie auf sein Nach­fragen, wir werden die Wahl­lo­kale in der Dun­kel­heit nicht finden. Sie müssen wissen, lieber Leser, ab so­fort wurden alle po­li­ti­schen Ak­ti­vi­täten in die Nacht ver­legt. So er­hoffte man sich noch mehr Ein­spa­rungen und konnte im Schutze der Schwärze seinen dunklen Ge­schäften nach­gehen. So be­richtet eben dieser Zeit­zeuge seinen be­amt­li­chen Kol­legen, der Wähler sei er­bost. Der Ober­bür­ger­meister, der diesen Streich mit zu ver­ant­worten hatte, setzte so­fort die Segel und riss das Steuer hart Back­bord. Viel­leicht auch Steu­er­bord, aber da war er vor dem Fi­nanzamt nicht si­cher. In jedem Fall riss er es herum und stellte den An­trag, es werde Licht. Oh, du ge­sandter Gottes, er­leuchte uns. Schenke uns das Licht. Denn wie sonst sollten wir von Schilda un­ter­schieden werden, wenn nie­mand mehr die Schilder in der Nacht lesen kann?

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