Auf der Flucht

Deutsch: Der Bahnhof Aschaffenburg wird renoviert.
(Photo credit: Wikipedia)

Ich sitze ei­ni­ger­maßen be­hag­lich im ICE und sehe der vorbei hu­schenden Land­schaft in ihrem wirren Far­ben­spiel zu. Bahnhof um Bahnhof führt es mich weiter weg von meiner Fa­milie, von dort, wo ich mich zu Hause fühle, wo ich ge­liebt und ge­braucht werde. Doch mit mir fährt die Ge­wiss­heit, dass ich nach kurzer Zeit wieder in einem Zug sitze, der in Rich­tung Heimat fährt. Alles ganz ein­fach und mit der Plas­tik­karte be­zahlt. Ohne nach­zu­denken kaufe ich die Fahr­karte, buche das Ho­tel­zimmer und gehe am Abend mit den Kol­legen in ir­gendein Re­stau­rant. Es scheint fast, als wäre das der Nor­mal­zu­stand der Welt. Alles geht ein­fach. Doch wäh­rend ich im Kopf über die Leich­tig­keit des Seins sin­niere, be­steigen in Aschaf­fen­burg neue Mit­rei­sende den Zug.

An meinem Sitz kommt eine junge Fa­milie mit Kind und einem wei­teren Be­gleiter vorbei. Sie kommen au­gen­schein­lich aus einem an­deren Land, spre­chen in einer mir fremden Sprache. Das Kind hustet und diese Sprache kann ich ver­stehen. Es ist krank und schaut müde durch den Zug. Der Vater trägt den kleinen Wurm auf seinem Arm. Erst setzen sie sich in meine Nähe, finden dann aber vier freie Sitze ne­ben­ein­ander. Sie ziehen weiter im Ab­teil, drei Sitz­reihen hinter mir. Sie reden leise, das Kind hustet und schnieft mehr­fach vernehmlich.

Der Schaffner kommt und stellt als­bald fest, dass die Fa­milie keine Fahr­karten hat. Der junge Vater spricht al­ler­dings ein gutes Eng­lisch, so­dass ich genau ver­stehen kann, was sie reden. Der Schaffner gibt auf und holt einen den Zug be­glei­tenden Po­li­zisten. Dieser setzt sich mit der Fa­milie aus­ein­ander. Die jähe Auf­merk­sam­keit und das be­droh­liche Ge­fühl schwappt auf das Kind über. Es fängt an zu weinen. Der Vater be­richtet, dass sie in Aschaf­fen­burg am Bahnhof ge­schlafen hätten und leider auch kein Geld für eine Fahr­karte be­säßen. Das Kind weint immer noch, mein Herz krampft sich zu­sammen. Ich muss an die Kälte und die Ge­stalten in der Nacht denken. Dann wieder an das Kind, die Mutter. Sie sind so jung und hilflos.

Der Po­li­zist macht seine Sache aber sehr gut. Ich habe ein gutes Ge­fühl, wäh­rend er mit der Fa­milie spricht. Er gibt sich sicht­lich Mühe, bleibt ruhig mit viel Rück­sicht. Sie wollen nach Mün­chen, dort gibt es wohl eine An­lauf­stelle für Flücht­linge aus Ser­bien. Ohne Geld, ohne Fahr­schein ein eher aus­sichts­loses Un­ter­fangen in Deutsch­land. In Würz­burg müssen sie mit mir den Zug ver­lassen. Das Kind hustet. Die Mutter schaut zu Boden und der Vater ist sicht­lich be­müht, seine Fa­milie zu schützen. Das ist die Rea­lität. Tag­täg­lich für Mil­lionen von Men­schen auf diesem Pla­neten. Sie bu­chen keine Ho­tel­zimmer, keine Fahr­karten mit einer Plas­tik­karte. Sie gehen nicht nach er­le­digter Ar­beit in ein Re­stau­rant, trinken ein kühles Bier und essen Steak. Sie schlafen an Bahn­höfen, leben am Ab­grund und laufen ihrem Leben, ihrer Frei­heit hin­terher. Be­klommen stehe ich an der Tür und warte bis der Zug hält. Alles was ich in diesem Mo­ment tun kann ist, dem Vater meine Geld­scheine zu geben und ihm zu­zu­flüs­tern, er solle seine Tochter be­schützen. Ich weiß, dass er genau das macht. Unter kom­plett an­deren Um­ständen, als uns je­mals klar sein wird.

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