Verschüttet

Flasche

(Photo credit: jdreimann)

Verschämt traf sein Blick die Flasche. Wie immer in Reichweite aufgestellt, dem plötzlichen Anfall ausgesetzt. Die fahle Haut schwitzte kleine Bäche in das alte Hemd. Zittrige Hände rieben über trockene, spröde Lippen oder fummelten am schuppigen Hals, bis dieser rot und wund aus dem Hemdkragen hervorleuchtete. Die Zunge fuhr immer wieder im Mund herum. Ausgedörrt. Nur ein ein kleiner Schluck würde helfen. Danach wäre ja auch Schluss.

Er blinzelte, als ein Käfer über seinen Schuh rannte. Da! Noch mehr von diesem Ungeziefer! Nur ein kleiner, winziger und endgültig letzter Schluck. Niemand würde es merken. Es wäre ja auch egal, weil es der letzte wäre. Er nickte sich aufmunternd zu. Zwei kleine Schritte, die gewohnte Bewegung mit der Hand, Schraubverschluss abgelegen. Vorsichtig ansetzen, ein winziger, kaum spürbarer Tropfen wird in die Kehle rinnen und alle Qualen vergessen machen. Der Kopf zuckte heftiger auf und ab. Ja. Ja. Ja. Er würde es tun. Er sprang auf, schwindelte kurz, fing sich, griff hektisch zur Flasche.

Halbleer. Der Abgrund tat sich. Ein lautes Gurgeln kündigte das Ende an. Alles hörte hier auf. Aus und vorbei.  Schweiß rann über sein Gesicht, vermischte sich mit Tränen. Ein Weinkrampf erfasste seinen Körper. Schwach und deformiert im Geiste stand er da, hielt sich an der Kante irgendeines Möbels fest. Eiche rustikal und kein Licht fand seinen Weg hier her. Er wankte zum Fenster, riss die Vorhänge zur Seite, Licht brannte in seinen rot geäderten Augen, kalte, klare Luft pumpte stoßweise in seine ausgehungerten Lungen. Die leere Flasche fiel polternd auf den dicken, alten Teppich. Vater hatte ihn bereits vor drei Jahrzehnten gekauft. Er war immer gut gewesen.

Jetzt musste er raus, das wurde ihm in diesem Augenblick klar. Alles musste raus. Vor allem er. Weg von hier. Ändern, anders machen, umbiegen. Er kickte die leere Flasche jetzt beinahe leichtfüßig beiseite, schmiss die alten Pantoffeln von den Füßen und schlüpfte in die steifen Straßenschuhe. Wie lange war das her? Bevor er die Tür hinter sich schloss, ließ er noch einige Liter Wasser durch den Abfluss laufen. Der Geruch des weggekippten Alkohols verflog langsam, während es aus den Tiefen der Spüle dankbar rülpste. Er lächelte unsicher. Es war ein Anfang, kein Tropfen hatte seine Kehle berührt. Und verdammt, er hatte eine Chance auf ein neues Leben.

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