Kein TV heißt, ich schaue wissentlich keine Nachrichten oder andere Ablenkungen. Es ist sinnlos in meinen Augen. Ich lese auch ganz selten noch die einschlägigen Medien, ob nun On- oder offline. Ich bin deswegen nicht weniger informiert. 95% aller Sätze oder Bilder dort sind entweder aus dem Zusammenhang gerissen, oder schlichtweg gelogen. Eine Lüge ist auch das rhetorische Herumlavieren um den eigentlichen Kern. Das ist für mich seit mehr als einem Jahrzehnt unverändert so.Ich bin länger im Internet unterwegs, als meine älteste Tochter an Jahren zählt. Sie hat grade ihre Ausbildung beendet. Es hat sich viel verändert. Nein, nicht die Technik, die zwar auch, aber ich betrachte die Technik nur als Container zur Informationsverteilung. In einem Moment der Ruhe, wenn man sich als Betrachter zurücklehnt, die Ereignisse anschaut, und versucht zu verstehen, was im Netz tatsächlich passiert, kann man es sehen.
Auch in den frühen Jahren des Internets gingen Ereignisse um die Welt. Damals allerdings, und das ist für mich der gravierendste Unterschied, erreichte man eben nicht Millionen von Menschen. Auch nicht zwingend Tausende. Heute ist das anders. Da geht der Mensch hin, tippt vielleicht nur 140 Zeichen in ein Eingabefeld und ist binnen 30 Minuten Ziel eines Shitstorms. 140 Zeichen. 30 Minuten.
Andere stehen so oder so im Rampenlicht. Sie wurden Kraft eines Systems, das wir alle tragen, dorthin beordert. Fehler werden, im Namen der Freiheit und Gerechtigkeit (!) und Kraft der neuen Technik, hart bestraft. Nein, es trifft nicht nur Politiker oder Prominente. Es trifft auch Leute wie dich und mich. Es trifft Menschen, die vielleicht schon aufgrund einer Vorgeschichte, labil genug für eine Dummheit sind. Und wer wollte dies nun auf seine Schultern nehmen? Wer will verantwortlich sein, wenn ein Mensch plötzlich aus den Fugen gerät, und weiß der Teufel, was treibt?
Keiner. Deswegen agieren viele in einer gewissen Anonymität und hauen anderen, ihnen unbekannten Menschen, verbal in die Fresse. Ja, in die Fresse. Ich schreibe das mit diesem Ausdruck, weil ich (ich ganz persönlich) auch im Netz erst einmal schaue, mit wem ich es zu tun habe. Versuche einzuschätzen, wer mein Gegenüber ist, wie er reagiert und was ich aus der Kommunikation ziehen kann. Das ist nichts anderes, als in der Kneipe zu stehen, vielleicht sogar als der Neue, und zu checken, mit wem man was anfangen kann. Ich war und bin immer sehr vorsichtig am Tresen, um eben nicht einen Aschenbecher in die Fresse zu kriegen. Soziales Netzwerk. Social Network. Drinnen wie draußen. Ich spiele zu den gleichen Regeln, online vielleicht ein wenig befreiter.
Es kotzt mich an, wie mit persönlich unbekannten Menschen umgegangen wird. Es kotzt mich an, wie die Herde auf die Medien hereinfällt. Es kotzt mich an, wie Menschen abgestempelt werden und zur Notschlachtung per Shitstorm freigegeben werden. Es kotzt mich an, dass immer mehr vergessen wird, dass es das System ist, welches ihr ablehnt (oder vielleicht doch nicht?) und ihr euch auf dem Niveau der Regenbogenpresse auf einzelne Menschen einschießt.
Ihr wollt etwas besser machen? Ihr prangert Verhalten an? Ihr spielt Moralapostel? Ihr pisst auf allgemeingültige Verhaltensregeln? Schön, sie haben euch gefangen. Sie beschäftigen euch und machen immer weiter.
Haben denn diejenigen unter euch, die z.B. Frau Wulff öffentlich an den Pranger stellen, einen einzigen Euro in die Rettung eines Kindes, eines Lebens, gesteckt? Ach ja, ich vergaß. Es geht um das große Ganze.
Fuck you. Fuck you. Fuck you.



Wenn wir von der Moral der Gewinner zu einer Ethik finden wollen, in der es statt Gewinnern und Verlierern nur Mitspieler gibt, deren “Erfolg” oder “Misserfolg” nur alle dazu animiert, sinnvolleres Spielverhalten auszuprobieren, dann haben wir einen wesentlichen Schritt im Sinn des Seins geschafft. Medien zu kommunikativer Ethik herauszufordern, dürfte die zeitgemäß richtige Wende einleiten.
Danke für den Zorn gegen das Unhinnehmbare.