Stiffler’s Mum

via westsideblogger

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Seitdem ich schreibe, kommen die Menschen zu mir und erzählen mir ihre Geschichten. So auch dieser Mann, von dem die folgenden Zeilen stammen. Wir gehen einige Jahre in der Zeit zurück. Wir befinden uns am Ende des kalten Krieges, kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion. Die Musikbox spielt Sting mit “Russians”, es hängt dichter Rauch in der Luft und der Tresen in der Eckkneipe ist voll.

Seine siebzehn Jahre sah man ihm nicht an. Durch die langen Haare und Lederjacke rechnete niemand damit, dass er nicht einmal volljährig war. Nach dem sechsten Glas Bier hörte er mit dem Zählen auf und trank einfach weiter. Er hatte jeden Grund. Liebeskummer galt bisher immer noch als der beste Grund von allen für ein ordentliches Besäufnis.

Ohne ein Wort war seine große Liebe einfach fortgegangen. Hatte ihren Aufenthalt bei der Schwester abgebrochen und war zurück in ihre Heimatstadt gefahren. Kein Abschied. Einfach weg. Sie reagierte nicht auf Telefonanrufe. Die Schwester, bereits eine erwachsene Frau kurz vor den Dreißigern, machte die eine oder andere Andeutung. Nichts Gewisses, nur Nebel. Jetzt stand er hier und kippte mit jedem Bier eine Erinnerung in den dunklen Abgrund des Vergessens. Es würden viele Bier werden. Er war bereit.

Die Hand griff zielsicher an seinen strammen Hintern und knetete ihn durch: „Hallo, mein Kleiner!“ säuselte eine rauchige Stimme in sein Ohr.

Er wand langsam den Kopf herum und blickte in tiefe, blaue Augen. Er sah die Krähenfüße nicht, sah nicht den trüben Blick, roch weder den Alkohol, noch sah er die Gefahr. Blond, blauäugig und in einem gewissen Sinne wunderschön, urteilte sein von Bier verhangener Verstand. Wunderbar. Er ging auf die plumpe Anmache ein. Sie unterhielten sich. Nach Bier Nummer zwölf machten sie sich auf den Weg zu ihrer Wohnung.

Bereits auf den ersten Metern sackte sein Herz trotz mutmachendem Alkoholgehalt eine Etage tiefer. Er wurde sich bewusst, was sie vorhatten. Sah sie an, sah die Gier nach seinem jungen Fleisch, fühlte die brennende Berührung ihrer schwieligen Hände auf seinem Körper. Er wusste jetzt genau, was sie wollte. Fragte sich aber, ob er ihr das geben konnte. Eine erfahrene Frau. Er grade kein Kind mehr.

In ihrer Wohnung stellte sie Kerzen auf den Tisch. Dann stieß sie ihn spielerisch in die Couch, als er keine Anstalten machte sich zu setzen.

„Nicht so schüchtern, mein Kleiner!“ setzte sie hinzu und hockte sich auf seinen Schoß.

Rieb sich an ihm, stöhnte leise auf und bettelte mit ihren Händen nach mehr. Als sie versuchte ihn zu küssen, hielt er ihren Kopf mit beiden Händen fest und schaute in ihre Augen. In diesem Moment sah er den Schmerz, ihre Angst und all die bitteren Momente ihres Lebens über sie hereinstürzen. Und er wurde sich bewusst, dass er hier und heute entweder jede Verbindung zu seiner großen Liebe kappen würde, oder dieser Frau eine weitere eiternde Wunde zufügte. Ihr, die sich junge Männer suchen musste, um ihren Selbstwert irgendwie aufrechtzuerhalten.

„Ich kann nicht“, stotterte er leicht verlegen.

Sie suchte einen Ausweg: „Hm. Zuviel Alkohol, was?“

„Nein. Ja. Ach, ich weiß nicht.“, antwortete er und setzte einen unendlich gequälten Ausdruck auf seine sonst scheuen Züge.

Sie ergriff sofort den Strohhalm: „Was immer dich bedrückt, du kannst es mir erzählen. Ich höre dir zu.“

Und er erzählte ihr die Geschichte seiner Liebe, während sie von seinem Schoß rutschte und neben ihm verharrte.

„Wegen deiner Freundin also. Ach, du armer, kleiner Mann.“

Sie ging in die Küche und holte zwei Gläser Saft. Beide nippten langsam und verlegen.

Dann ergriff sie das Wort: „Mach nicht den Fehler, den ich machte und immer noch mache. Warte nicht dein Leben lang auf die Eine. Ja, versuche sie zu gewinnen, aber opfere nicht deine Jugend. Sieh mich an. Ich bin verbraucht. Die Zeit hat mich eingeholt und ich schaffe es noch so grade eben, sie jeden Morgen unter einer dicken Maskerade zu verbergen. Doch auch das ist irgendwann vorbei. Dann fällt niemand mehr auf meine Augen herein. Das Alter ist gnadenlos und schneller da, als du es dir heute vorstellen kannst. Jetzt geh nach Hause, geh zu deiner Freundin. Lass mich allein.“

Er stand zögernd auf. Unsicher, was er wirklich tun sollte. Sein Mund öffnete sich, aber keine Wörter fanden Weg hinaus. Gab es etwas, das er sagen konnte? Das er sagen sollte. Danke vielleicht? Er beugte sich hinab und wollte sie auf die Stirn küssen.

Sie entzog sich ihm und herrschte ihn brüsk an: „Jetzt mach aber das du wegkommst. Ich wollte einen Fick, wollte Bestätigung. Ich bin doch keine Nutte, die man für‘s Zuhören bezahlt. Hau ab. Geh. Jetzt!“

An der Tür begriff er, dass er weder seine Freundin jemals wieder treffen würde, noch dieser Frau irgendwie helfen konnte.

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