Wir fuhren von Nordrhein-Westfalen aus über Niedersachsen, Hessen, wieder Niedersachsen, Thüringen nach Sachsen-Anhalt. In vielerlei Hinsicht eine für mich historische Reise. Ein lieber Freund feierte seinen 60. Geburtstag, für mich war es der erste Besuch in den neuen Bundesländern und zeitgleich doch eine Route zurück zu den Wurzeln. Wenn man so will.
Irgendwann im Jahr 1946 machte sich der väterliche Teil meiner Familie, getragen durch die Eltern, auf, um die Grenze in den Westen zu passieren. Von wo genau ist nicht mehr sicher in Erfahrung zu bringen. Der damals erst einjährige spätere Vater wuchs von da an in Niedersachsen auf. Eberholzen, ein kleiner, beschaulicher Ort bei Hildesheim. Um ihn zu erreichen, fuhr man mit dem Auto über so heldenträchtige Namen wie den „Roten Berg“, ließ Möllensen rechts liegen, sah noch Sibbesse und kam schließlich und endlich im oberen Teil von Eberholzen an.
Das Haus liegt ganz oben an einem Hang, zu dessen Füßen sich der Rest des Bauernortes erstreckt. Heute kann ich in Google Earth ganz heranzoomen, das Haus meiner Großeltern sehen. Sie leben beide nicht mehr, was mit dem Haus passiert, entzieht sich meiner Kenntnis. Google zeigt mir indes, dass der Garten, so wie ich ihn kannte, nicht mehr existiert. Wehmütig denke ich an die Tage, als wir Kinder Kirschen vom Baum und Johannisbeeren direkt vom Strauch aßen, auf der Wiese tobten und im Planschbecken abkühlten, oder am Abend ausgelaugt und glücklich in der Hollywoodschaukel unsere Grillwürstchen in Ketchup tunkten. Geruch von selbstgemachter Knoblauchsoße, eingelegten Gurken, Einbecker Pils und frisch geerntetem Heu, mischen die Erinnerungen in meinem Kopf auf, während wir an den dunklen Ackerkrumen der Thüringer Landschaft vorbeisausen.
Ein Haus, das seine größte Seite sofort präsentierte, fuhr man von der Straße auf den Schotterplatz vor. Große Fester teilten die weiße Wand, hinter der sich wahre Hallen verbargen. Ein Balkon lief an der oberen Etage von der Terrasse bis hin zur anderen Seite zu einem weiteren Eingang um das Haus herum. Drinnen erstreckte sich eine Art Empfangshalle, von der alle Zimmer abgingen. Lange Flure oder dunkle Nischen gab es nicht. Mitten im Raum senkte sich eine gigantische Treppe in die untere Etage hinab. Die Wohnräumen waren viel kleiner. Aber nur, weil nach hinten der Keller als Natursteinkeller in den Hang geschlagen war. Feuchter, kalter Muff und dunkelste Schwärze sind mir aus der Kindheit im Kopf geblieben sind. Eine Zeitlang galt es als Mutprobe, mitten in der Nacht unbemerkt die Treppe hinunter zu gelangen und den Keller zu durchqueren. Dabei durfte man nicht von Monstern gefressen werden.
Unten gab es noch ein einzelnes Schlafzimmer im Haus. Dort schliefen mein Cousin und ich hin und wieder. Irgendwann fingen wir an, uns aus einem Buch mit dem Namen „Radio Eriwan antwortet …“ vorzulesen. Muskelkater vom Lachen und aufgesprungene Wangen von den salzigen Tränen sind noch präsent.
Und während ich in Erinnerungen schwelge, durchquerten wir das Land meiner Väter, mitten durch die Gegenwart und raus aus der Vergangenheit, hin zu einer sehr realen Zukunft. An diese wird sich unsere Tochter auch erinnern. In einigen Jahrzehnten.


