Die Stunde des Monsters

via westsideblogger

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All diese Menschen. Einer Ameisenkolonie gleich, liefen sie durch die bewachten Gänge, über die Stufen der kaugummifleckigen Treppen oder standen zappelig wartend vor den geschlossenen Türen der nach Urin stinkenden Fahrstühle. Große Kinderaugen staunten oder ließen salzige Tränen an rot geweinten Wangen herunter rinnen. Geschäftige Menschen überall, hinter den Schaltern genauso überfordert wie davor. Fast konnte man die unnatürliche Ansammlung von Zeitdruck spüren, atmen und schmecken. Zeitmangel würde etwas metallisch wie Blut schmecken, in der Nase wie Faulwasser brennen  und zähem Wackelpudding gleich, jegliches Bemühen um Pünktlichkeit abfedern, verhindern. Cholerisch rote Köpfe brüllten mit entzündeten Rachen auf blasse, sonnenlichtferne Dienstleister ein. Verzweifelte Rentner hieben mit dünnen, zierlichen Fäusten auf Automaten, Polizisten verfolgten dünne, schmutzige Gestalten auf der Suche nach einem Schuss. Ob nun Alkohol oder Heroin. Draußen unterhielten sich die Taxifahrer über die Dächer ihrer Blechkutschen hinweg. Warteten auf den nächsten Fahrgast, der sicherlich nervös und unter Zeitdruck das Ziel bestimmen würde.

Das erfassten seine Augen. Mitleidig fast, wenn er ein solches Empfinden noch aus seinem gemarterten Geist hervorlocken könnte. Er stand abseits der Masse, die sich wie ein fauler, eitriger Krebs durch das Gedärm des Bahnhofs wand. In einer seiner Hände, die beide schon seit Stunden an ihm herunterhingen, hielt er die Fahrkarte. Hinfahrt nur. Die Rückfahrt konnte er sich sparen. Wenn er erstmal die Reise angetreten hatte, gäbe es wohl kein Zurück mehr. Schmerz schoss durch seinen Körpern. Die Mitte brannte wie Feuer, dort, wo sich sein eigener, kleiner Krebs ein Nest gebaut hatte. Nun zogen seine Kinder in seinem Körper umher und es war an ihm, hin und wieder die salzigen Tränen an seinen Wangen herunter rinnen zu lassen. Aus dem Lautsprecher wurde ein ICE ohne Halt durchgesagt, mit der Bitte von den Gleisen zurückzutreten. Er machte einen Schritt. Wind kam auf und fegte eisige Luft über den Bahnsteig. Er bemerkte es nicht mal mehr. Gefangen in seiner Welt, in seinem Schmerz, sah er den Zug um die letzte Kurve rasen. Der Wind legte zu, als wenn er vor dem Stahlkoloss flüchten wollte. Er machte noch einen vorsichtigen Schritt. Der Lautsprecher plärrte noch etwas, dann traf sein Fuß auf die Leere und er fiel aus dem Leben.

Die Fahrkarte flatterte im Wind vor den fassungslos starrenden Menschen umher. Einer griff nach ihr und las das letzte Ziel des blutigen Haufens dort unten: „31137 Himmelsthür“ –  Verstört schaute der Mann auf, für eine Sekunde stahl sich ein wissender Blick in seine Augen, dann schob sich erneut der Mantel des Schreckens über die Pupillen.

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