Die kleine Fee Fingerweh

Morgens

Morgens (Photo credit: dongga BS)

Die kleine Fee erwachte jeden Morgen mit einem Fingerweh. Der kleine Finger der rechten Hand war an seiner Kuppe ganz rot und pochte fürchterlich. Eine Erklärung hatte sie nicht dafür. Weil die kleine Fee nicht wusste, warum ihr der kleine Finger immer weh tat, beschloss sie in die Welt zu fliegen und die Antwort dort zu finden. Sie putzte ihren kleinen Feenflügel ordentlich blank, so dass sie im Sonnenlicht glitzerten und gleißten. Dann schoss sie voller Freude, weil sie ja bald die Antwort wissen würde, hoch in die Luft, schwirrte einige Momente über ihrem Elternhaus, um dann zwischen den Baumwipfeln zu verschwinden.

Eine Zeit lang war sie bereits geflogen, als sie sich entschloss, die Tiere zu fragen. Tiere, so dachte sie sich, sehen viel von der Welt und kennen sicherlich die Antwort. So hielt sie Ausschau nach einem ersten Tier. Sie fand einen hübschen, kleinen Teich, auf einem Seerosenblatt saß ein dicker, grüner Frosch und blinzelte in die Luft. Sie ließ sich neben dem Frosch nieder, gerade in dem Augenblick, als seine lange, klebrige Zunge vorschnellte und eine kleine Mücke aus der Luft griff. Er kaute genüsslich, rülpste zufrieden und wand sich dann der kleinen Fee zu: „Na, Kleine, quak, was kann ich für dich tun? Quak!“ Die kleine Fee stellte schnell ihre Frage und achtete genau auf die Zunge des Frosches: „Lieber Frosch, jeden Morgen werde ich wach und mein kleiner Finger ist ganz rot und tut mir weh. Ich weiß aber nicht warum oder vielmehr wovon. Kannst du es mir sagen?“ Der Frosch überlegte einige Sekunden, quakte mehrfach vor sich hin und schüttelte dann aber den Kopf: „Nein, quak, das kann ich dir, quak, nicht sagen, quak, quak, quak.“

Die kleine Fee flog entmutig davon. Es ging weiter über Felder und Wiesen, Flüsse und Seen. Auf einem Baum erblickte sie eine Eule, die ihren Tagschlaf hielt. Die Fee landete ohne nachzudenken neben der Eule und zupfte sanft an ihren Federn. Die Eule öffnete überrascht ein Auge: „He! Was fällt dir denn ein?“, sprach sie die kleine Fee mit leiser, aber scharfer Stimme an. „Ach, liebe Eule, ich muss doch wissen, warum mir am Morgen immer mein kleiner Finger weh tut!“ Die Eule begutachtete den Finger aufmerksam und meinte dann: „Hmm, er sieht aus wie ein kleiner Regenwurm. Ich könnte dich von ihm befreien, dann musst du dich das nicht mehr fragen, schuhu, schuhu!“ Erschrocken flatterte die kleine Fee davon. Das hatte sie nicht erwartet. Da wollte die Eule doch glatt ihren Finger als Regenwurm verspeisen. Nein, jetzt hatte sie genug. Sie beschloss ihre Großmutter zu fragen. Die älteste aller Elfen würde sicherlich wissen, was mit ihrem Finger in der Nacht passierte.

Also machte die kleine Fee sich auf und flog zurück zu dem Feendorf und suchte ihre Großmutter auf. Bevor sie an die Tür klopfen konnte, rief die Alte schon sie solle ruhig herein kommen. Die kleine Fee war immer wieder verwundert, woher ihre Oma manchmal Dinge einfach wusste. Sie erzählte der alten Frau von ihrem schmerzenden Finger, während sie mit diesem wild hin und her gestikulierte. Auch von den Tieren erzählte sie. Die Großmutter schmunzelte, überlegte, bedeutete ihr einen Moment zu warten und ging zu ihrer Vorratskammer. Von dort brachte sie einen Topf leckerste Marmelade mit und stellte diesen auf den Tisch vor die kleine Fee. „So, meine kleine Fee, jetzt erzähle mir doch von Anfang an noch mal, was dir passiert ist!“ Die kleine Fee aber steckte, ohne weiter auf die Großmutter zu achten, ihren kleinen Finger in den Marmeladentopf und saugte genüsslich die süße Klebrigkeit von der Fingerkuppe. Das machte sie, bis der Topf leer war.

Die Oma schaute ihr belustigt zu und wartete zufrieden ab, bis die Fee den ganzen Topf mit dem kleinen Finger leergeschleckt hatte. „Siehst du“, sagte sie zu der kleinen Fee, der nun der Finger schon rot anschwoll, „Deswegen tut dir der Finger so weh. Du solltest die Marmelade lieber auf ein Brot schmieren, anstatt sie mit dem kleinen Finger zu schlecken.“

 

Dies ist eine der Geschichten, die ich nach Stichwörtern der kleinen Fee hier bei uns, zum Einschlafen erfinde und aus dem Stegreif erzähle.

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