Wenn Menschen einen Flauschstorm jemals benötigt haben, dann der junge Mann, der in den letzten 2 Tagen durch den medialen Fleischwolf gedreht wurde und die Eltern und Verwandten des Opfers. Als wenn das Verbrechen nicht schon schrecklich genug wäre, muss mit Sensationsjournalismus noch das letzte Quentchen Schlagzeile herausgekitzelt werden. Das ist ekelhaft und respektiert weder das Leben des jungen Menschen, noch den Tod des kleinen Mädchens.
Es fällt schwer sachlich zu bleiben. Die Wut ist tief und ich weiß nicht, ob ich sie zähmen kann. Täglich sehe ich am Morgen die Leute, die sich zu ihren Brötchen noch schnell das Revolverblatt Nr.1 greifen. Schon dieser Griff in die Zeitschriftenablage erscheint so automatisch, so undurchdacht und doch über Jahre erlernt, dass ich mich ernsthaft frage, wie mit dem Inhalt umgegangen wird.
Aber die Frage wurde ja auch geistesgegenwärtig beantwortet. Kaum dass die BILD sich der Täterschaft sicher war, riefen die ersten Mord und Totschlag. Ja, das ist es dann nämlich. Lynchen. Nichts anderes bleibt übrig. Wissen Sie, wenn nun die Eltern und Verwandten hergehen und ihre Trauer mit Rachegedanken stillen, ist das etwas komplett anderes, als wenn wildfremde Menschen hergehen und den Tod eines vermeintlichen Täters fordern. Und selbst wenn der Staatsanwalt in einer Pressekonferenz sagt, er sei sich zu 100% sicher, ersetzt das nach unserem Strafrecht und nach meinem Gerechtigkeitsverständnis noch lange nicht den endgültigen Richterspruch.
In früheren Jahren hat die BILD zumindest noch Fragezeichen an ihre Behauptungen gesetzt. Auch wenn dies nur reiner Selbstschutz vor rechtlichen Schritten war. Aber über dieses Stadium ist man spätestens seit Wulff wohl hinaus. Dem Jungen hätten die Fragezeichen auch wenig genützt. Eine Vorverurteilung ist eine Vorverurteilung. Wenn dies in dieser Größenordnung durchgeführt wird, denn immerhin sind ja Nachrichtensender wie N-TV und N24 auf diesen Zug aufgesprungen, wie soll dann noch ein gerechter und unvoreingenommener Prozess durchgeführt werden? Es bliebe immer ein bitterer Beigeschmack, weil alle Beteiligten sich plötzlich eines ernormen Druckes ausgesetzt sähen.
Der Druck auf den 17jährigen mag nun vielleicht abgezogen sein. Ich gehe aber davon aus, dass der Innendruck in seinem Kopf sich wie absolute Leere anfühlt. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich mit jungen 17 Jahren mit dieser Situation klargekommen wäre. Gar nicht. 17 ist ja so ein Alter. Grade bei Jungen. Ich kann für mich anführen, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, die Situation zu erfassen. Geschweige denn zu verarbeiten, dass da draußen Menschen sind, die meinen Tod wollen. Öffentlich, ohne sich zu verstecken.
Ob es den Lesern der BILD klar ist, dass diese Zeitung menschenverachtend, respektlos und existenzbedrohend mit ihren “Opfern” umgeht? Könnt ihr das erkennen oder ist der Zug bei euch längst abgefahren? Weder der Tod des Mädchens noch das Leben des Jungen bedeuten dieser Zeitung etwas. Sie WILL Einfluss nehmen, sie WILL steuern und sie WILL auf billigen Voyeurismus setzen, sie WILL zerstören, sie WILL wissentlich die Unwahrheit berichten.
Leider wird sie in der nächsten Woche wieder zu Hunderttausenden aus den Regalen gegriffen werden, weil sie eure niedersten Instinkte befriedigt. Weil ihr euch mit dem Scheiß identifiziert. Weil ihr diesen Dreck genauso aufbereitet und für euren Hirnbrei serviert bekommen wollt. Und was ihr überhaupt nicht versteht, warum auch immer: Ihr seid die Zeitung. Ihr macht sie. Ihr füttert sie. Ihr bestimmt die Berichte. Ihr bestimmt die Art und Weise. Sie ist der Spiegel euerer Bedürfnisse.
Ihr seid alle am Arsch. Schönen Tag noch.

Ich kann da nur zustimmen. Besonders ekelhaft finde ich in diesem Fall jedoch, dass es sich weißgott nicht auf die Blödzeitung beschränkt hat – die hat sich natürlich mal wieder am weitesten vorgewagt -, sondern dass viele, viele andere, auch seriöse Medien sehr schnell dabei waren, den Verdächtigen so weit wie möglich durchs Dorf zu treiben. Da hat sich kaum einer mit Ruhm bekleckert, und am perfidesten ist es, wenn dieselben Zeitungen, die noch vor kurzem die Wohnstraße des Jungen genannt haben, jetzt in großem Katzenjammer ausbrechen.
http://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/03/30/statt-teer-und-federn-druckerschwarze-und-papier/