Seifenblasenoper

Deutsch: Lohnzahlung in einem Kolchos (Artel) ...
Deutsch: Lohn­zah­lung in einem Kol­chos (Artel) um 1940 (Photo credit: Wikipedia)

Das Te­lefon ver­band sie kna­ckend mit dem weit, weit ent­fernten An­schluss. Es war das erste Mal seit un­zäh­ligen Mo­naten, dass sie sich bei ihrer Mutter mel­dete. Eines Tages war sie ein­fach ge­gangen. Sie wollte sich dem guten Leben im Westen auf­zwängen. Und dann war da ja noch Petka. Der Mann in ihrem Leben. Er war be­reits im Westen ge­wesen, kannte sich aus, fuhr ein schi­ckes Auto. Er er­zählte ihr von den Prunk­pa­lästen in denen er und seine Freunde rau­schende Partys fei­erten, von den un­zäh­ligen Dol­lars auf seinem Konto. Von der Frei­heit. Es war eine ein­fache Entscheidung.

»Hallo Mama«, be­grüßte sie die Frau am an­deren Ende der Lei­tung. Sie wusste nicht wie Petka es ge­schafft hatte, denn ihre El­tern hatte kein Te­lefon, aber sie konnte nun mit ihrer Fa­milie spre­chen. Was sollte sie sagen? Alle Wörter war sie tau­sendmal durch­ge­gangen. Ein emo­tio­naler Schwall müt­ter­li­cher Lie­bes­be­kun­dungen auf klang­vollem Rus­sisch wech­selte aprupt in ebenso me­lo­diös vor­ge­tra­gene Vor­hal­tungen. Sie ließ es über sich er­gehen. Darin hatte sie viel Er­fah­rung sam­meln können. »Mir geht es gut. Ja, eine Ar­beit, eine gute Ar­beit. Ja, eine Woh­nung, nein, nicht mit Petka. Al­leine. Ja. Nein. Nein, Ar­beit, Mama, rich­tige Arbeit.«

Am Ende hatte sie ihre Mutter über­zeugen können, ihr ginge es gut. Der Mann hinter hier blickte sie aus­druckslos und kalt an. Für ihn war sie nur die Kol­chose aus dem rus­si­schen Kaff. Die Kol­chose für alle. Noch be­han­delte man sie ei­ni­ger­maßen, aber was mit äl­teren Huren hier pas­sierte, konnte sie täg­lich sehen. Schmä­hungen und Be­lei­di­gungen waren die er­träg­lichsten Formen der Ge­walt. Petka, dieses Schwein. Er hatte sie ein­fach ver­kauft. Um wei­tere Partys zu feiern. Um die Frei­heit zu ge­nießen. Frei­heit, die für sie nicht we­niger wert sein könnte. Mama, wenn ich nur zu­rück könnte. Mama, ich liebe dich.

Dieser Text ent­stand aus dem Wort “Kol­chose”, wel­ches mir von @MissAntrophie wäh­rend einer Runde “Twitter-Roulette” über­lassen wurde.

Den Namen »Petka« habe ich mir von Wiktor Ole­go­witsch Pe­lewin aus dem Buch »Bud­dhas kleiner Finger« ent­liehen.