Die laue Sommernacht lockte viele Leute vor die Tür. Sie flanierten durch die Straßen, gingen Arm in Arm über die trockenen Wege im Park und saßen auf Bänken. Meist blickten sie gemeinsam nach oben und zählten Sterne oder zeigten Sternenbilder. All das konnte er auf dem großen Monitor sehen. Er war vernetzt. Voll auf digitalen Empfang der Leben anderer eingestellt. Die Überwachungswut des Staates machte es ihm leicht. Seine Kenntnisse und die Fertigkeiten einiger gekaufter Techniker hatten es ihm ermöglicht, die Überwachungskameras der Stadt anzuzapfen.
Insgeheim fühlte er sich wie der unsichtbare Herrscher der Stadt. Er musste zugeben, er war der einsame Herrscher. Freunde hatte er keine mehr. Er blickte an sich herunter. Er hasste dieses Sportmodell aus Aluminium. Er hasste seine Unbeweglichkeit. Er hasste seine Hilflosigkeit. Und dann war da die Angst vor dem Kontrollverlust. Um nichts in der Welt würde er die Kontrolle verlieren wollen. Das Leben war ein großer, immer in gleichen Mustern ablaufender Plan. Niemals abweichen. Einmal in seinem Leben war er abgewichen. Eine Sekunde unaufmerksam, einmal die Gedanken nicht auf die Straße gerichtet, einmal im Rückspiegel das Mädchen seiner Träume angeschaut. Glück im Unglück. Er war der einzige Verletzte bei dem Unfall. Seine Beine, gefühllos, nutzlos, unbeweglich. Quälende Monate huschten an seinem inneren Auge vorbei. Immer wieder sah er sich bei dem Versuch nur stehen zu bleiben scheitern. Weinend brach er zwischen den Haltestangen zusammen. Warum nur ließen sie ihn nicht dort liegen? Dann die Worte der Psychologin. Ein Rollstuhl. Viele Menschen kommen damit bestens zurecht. Und heute sei es ja auch kein Problem mehr. Inklusion und ähnlichen Schwachsinn erzählten sie ihm. Er verachtete sie innerlich. Täuschte sie mit seinem Lachen. Kein Mensch sah das Loch in seinem Innerem, dort wo einst sein Leben saß, ein schwarzer Fleck. Leer, kalt und unwiederbringlich vorbei.
Die Freunde, auch das ahnte er bereits, kamen noch ein paar Mal vorbei, dann wurden die Besuche weniger. Dafür mehr Anrufe, dann E-Mails. Jetzt nichts mehr. Seit Wochen keine Meldung. Vergessen saß er nun in den Nächten vor seinen Monitoren. Sah in den warmen Monaten den Pärchen beim Leben zu. Oh, wie sie flirteten, sich dem Spiel hingaben und doch immer wieder nur an den einen Punkt kamen. Zu dir oder zu mir?
In seinem Kopf erwuchs die Idee, sich doch einfach per Klinkenstecker die Leben derer anzueignen, die er hier beobachtete. Das Gehirn übertrug doch alles mit Strömen. Warum nicht auch die Bilder in seinen Verstand bauen und als eigene Erinnerung an gute Tage nutzen? Er müsste sich einen Leben-Tod-Transmitter bauen. Dann könnte er vielleicht aus der Starre seiner Angst und der Kälte der Gefühle aufsteigen und wieder spüren. Irgendwas. Eine verdammte Berührung. Einmal nur gebraucht werden. Bitte. Heiße Tränen rannen an seinen aufgedunsenen Wangen herab. Ein verdammter Technokrat würde er werden. Bestehend aus Bytes, Null und Eins, ein Sprite. Digitales Ensemble der Nichtigkeit.
Als er sich grade seinem Grab im Kopf hingeben wollte, gab es einen Schlag und aller Strom war weg. Kalter Schweiß sammelte sich sofort auf Stirn und Rücken. Kontrolle. Kontrolle. Er griff zur Taschenlampe. Sie lag immer bereit. Für genau diesen Moment. Er leuchtete durch das Zimmer. Die Geräte warfen ihren unheiligen, digitalen Götzenschatten an die Wände. Im schauderte. Die Sicherungen. Ja klar, in einem Moment vollkommener Hilflosigkeit spielte sich die Sicherung nach vorne, täuschte an und schoß den Strom ins Aus. Es würde nichts nützen, er musste die Wohnung verlassen. Der Sicherungskasten befand sich draußen. Einige weitere Sekunden verstrichen. Dann griff er zu den Reifen und manövrierte sich unbeholfen zur Tür. Schon jetzt hasste er alles. Kontrolle. Kontrolle. Ich brauche meinen Digitalempfang wieder. Ohne diesen bin ich nichts. Ohne Strom keine Bytes. Ich werde sterben. Ich verpuffe in der Uendlichkeit des Datenstroms. Weg, für immer. Gelöscht.
An der Tür lauschte er leise. Kein Ton. Die Welt da draußen. War sie überhaupt noch wirklich? Woher wollte er wissen, ob sie nach dem Abschalten seiner Monitore nicht einfach schwarz wurde? Wo waren dann all die Menschen? Hatte er sie bereits digitalisiert. Über die Bilder in Fragmente seiner Festplatten verwandelt. Eine wunderbare Vorstellung. Er gab der Tür einen Stoß. Draußen klackte es und die Welt versank im gleißenden Schein der Lampen. Etwas intonierte einen bekannten Song. Musik? Woher? Er blinzelte und hörte laute Stimmen. Sie sangen ein Geburtstagslied und darin kam sein Name vor. Es roch nach Braten, nach Salat und Knoblauch. Später würde er sich an den wunderbaren Geschmack von Bier und dem hellen, aufrichtigen Lachen seiner Freunde erinnern. Auch an die Kneipen durch die sie ihn schoben. Der Leben-Tod-Transmitter konnte warten.
Dieser Text entstand aus dem Wort “Digitalempfang”, welches mir von @Wolkenspieler während einer Runde “Twitter-Roulette” überlassen wurde.


