Erinnerungen

Ruine Hohenlandenberg Burghügel

Image via Wikipedia

Ein dünner Strahl pastellfarbenen Sonnenlichts ergoss sich über die sanften Hügel hinter seinem Haus. Jeden Morgen saß er hier und erquickte sich genüsslich an dem Anblick. Ein neuer Tag wurde geboren und er durfte dabei sein. Beinahe liquide und greifbar strömten die Fluten warmen Lichts auf ihn ein, regte seinen Geist an und er versank in Erinnerungen an die alte Zeit. Als seine Anni noch lebte und sie das Glück vermehrten, in dem sie es sich gemeinsam teilten.

Manchmal sah er sie von den Hügeln herunter steigen. Ihre schwarze Mähne brannte im wogenden Licht und wallte mit ihr zu ihm hinab. Sie lachte immer. Und er wusste, wie er das Lachen auf ihre wundervollen Lippen zaubern konnte. Waren die Lippen erst davon ergriffen, breitete es sich über ihr elfenartiges Gesicht aus und jede Pore erzählte von der sanften Fröhlichkeit einer liebenden Frau. Aus der Ferne betrachtet kam sie ihm wie eine Göttin vor.

In den Tagen, als sie noch täglich in den Wald ging, konnte er ihre Heimkehr kaum noch erwarten. Seine Nase sehnte sich nach dem frischen Duft ihrer Haut, die der würzigen Waldluft ausgesetzt war. Kein Parfum dieses Planeten hatte sie jemals besser riechen lassen, als ihr eigener Geruch. In feinen Salven stieg der Odem der Freiheit von ihr empor, trennte sich nur widerwillig von der weichen, weißen Haut. Er nannte sie oft sein Schneewittchen. Um ihn aufzuziehen, imitierte sie in diesen Momenten die alte Hexe mit dem Apfel, verstellte ihre Stimme und lachte schaurig.

Eines Tages war sich nicht mehr aus dem Wald zurückgekommen. Dafür kamen Männer und Hunde. Ein Jagdunfall sagten sie. Alle wussten, dass das Jagen zu dieser Zeit verboten war. Niemand unternahm etwas. Er war zu schwach, zu getroffen, wollte gleichfalls sterben. Doch auch dieses ließen sie nicht zu. Er weinte ganze Bäche, trauerte von morgens bis in die Nacht hinein. Kein Schlaf. Keine Ruhe. Keine Anni.

An einem Freitag kamen sie und holten ihn ab. Es sei nur zu seinem Besten. Er wehrte sich, doch sein alter Körper hatte unbemerkt sämtliche Kraft verloren. Depressionen diagnostizierte der junge, unbekümmerte Arzt und schrieb Psychopharmaka in unwirscher Handschrift auf einen wichtig aussehenden Zettel. Jetzt war er froh. Er konnte wieder hier sitzen und sich an die beste Zeit seines Lebens erinnern. Mehr verlangte er nicht. Doch merkte er, wie ihm das Alter zusetzte. Es wurde immer schwerer für ihn, am Morgen das Sonnenlicht und die Hügel zu fokussieren.

Eine Tür öffnete sich und die Pflegerin huschte leise ins Zimmer. Sie wollte seinen Bruder nicht stören, der ihm vorsichtig die Geschichten aus ihrer gemeinsamen Zeit erzählte. Der Bruder hatte ihn nie aufgeben. Er kam jeden Tag, der beste Freund den man sich wünschen konnte, setzte ihn auf die Bettkante und zeigte ihm ein besonders schönes Bild seiner verstorbenen Frau. Dann trug er ihm all die Dinge aus dem Leben vor, die er erlebt hatte und hoffte, seinen großen Bruder aus der Vergessenheit seiner Demenz zu befreien, während dieser unbeweglich aus dem Fenster starrte.

 

Diese kleine Geschichte entstand durch die auf Twitter zugerufenen Worte “Freund” und “Vergessenheit” von @Mic_Ruby und @mdarkbyte .

Vielen Dank!

flattr this!

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>