Nach dem Garten Eden — Post-Privacy

The Secure One

Image by Martin Gommel via Flickr

Mit Post-Privacy wird die to­tale Of­fen­heit und der Ver­lust der Pri­vat­sphäre in einem Be­griff ver­eint. Aus ihnen ist die Vi­sion einer neuen Öf­fent­lich­keit ent­wachsen. Eine bes­sere, of­fe­nere und freiere Ge­sell­schaft, so pos­tu­lieren die Be­für­worter. Gegner be­haupten na­tür­lich das Ge­gen­teil und ver­langen nach wirk­sa­meren Daten­schutz­ge­setzen. Beides ist schwerer Stoff, lässt man sich auf die The­matik ein. Was soll der nor­male Bürger damit anfangen?

Beide Seiten haben Pro­bleme, weil sie ex­treme Po­si­tionen ein­nehmen. To­tale Of­fen­heit zum Bei­spiel kann ich für mich in An­spruch nehmen. Der Be­griff der Of­fen­heit, geht einher mit Wahr­heit, Re­spekt und Ver­ant­wor­tung. Das heißt, wenn ich mich öffne, mit Men­schen ernst­haft eine Be­zie­hung auf­bauen möchte, auch nur um eines Ge­sprä­ches willen, ver­schreibe ich mich der Wahr­heit. Da gibt es keinen an­deren Weg. Die Wahr­heit an vor­derster Stelle ist so zu trans­por­tieren, dass dem Ge­gen­über nicht die Kinn­lade auf den Boden fällt. Ich re­spek­tiere ihn als eben­falls un­ver­hüllten Men­schen, wir beide haben das Vi­sier offen. Zudem trage ich die Ver­ant­wor­tung für das was ich sage und was aus dem Ge­sagten ge­macht wird. Es ist meine Auf­gabe, den An­deren die Mög­lich­keit zu geben, mich zu verstehen.

Sich zu öffnen heißt, zwangs­läufig seine Pri­vat­sphäre zu ver­lieren. In einem Ge­spräch ge­währe ich the­ma­tisch ge­bun­denen Ein­blick in alles, was mich be­trifft. Meine Mei­nung, meine Er­fah­rungen, meine Ge­danken oder wei­ter­füh­renden Ideen. Dieser Um­stand muss mir be­wusst sein, führe ich öf­fent­liche Dis­kus­sionen oder Dia­loge. Ma­chen wir uns nichts vor, in der Bahn oder im Groß­raum­büro wird der­maßen lax mit per­sön­li­chen Er­zäh­lungen um­ge­gangen, dass spä­tes­tens zum Fei­er­abend die Firma deine Schand­taten vom Wo­chen­ende kennt. In der Bahn er­fahren wild­fremde Men­schen etwas über mich. Sie werden den Kopf schüt­teln, la­chen oder sich schlicht und er­grei­fend nicht für mich in­ter­es­sieren. Nach dem Aus­steigen haben sie es ver­gessen, weil sie keinen Kon­text zu dem Ge­hörten haben.

Mit viel Pech hat jetzt aber schon der Kon­troll­ver­lust ein­ge­setzt. Ich wähnte mich in meinem Ge­spräch in einem ge­kap­selten Raum. Die Wände der Bahn oder des Büros wurden als Filter, Blo­ckaden ge­sehen. Bis vor ein paar Jahren galt das auch noch so. Doch jetzt hat bei­nahe jeder Mensch ein Smart­phone in der Ta­sche. Wer ver­si­chert mir denn, dass nicht einer meiner Bahn­be­glei­tungen oder Kol­legen ein Bild von mir ge­schossen hat und den Text mit Fo­to­do­ku­men­ta­tion twit­tert oder auf Face­book ein­stellt? Dann kommt die Ge­sichts­er­ken­nung und bei meinem nächsten On­lin­ebe­such schallt mir das Ge­lächter der Netz­ge­meinde ent­gegen. Das ist der wahre Kon­troll­ver­lust. Die Mög­lich­keiten der Daten­über­tra­gung von analog zu di­gital sind heute na­hezu in Echt­zeit mög­lich. Durch stän­digen Ausbau der Technik kann sich auf lange Sicht nie­mand mehr der Dis­kus­sion um Post-Privacy entziehen.

Welche Mittel gibt es gegen den to­talen Kon­troll­ver­lust? Ent­weder nur die to­tale Kon­trolle oder die Ak­zep­tanz der to­talen Of­fen­heit. Die to­tale Kon­trolle kann der Ein­zelne für sich nicht über­nehmen. Ich kann zwar darauf achten, mög­lichst wenig von mir preis­zu­geben, aber ich bin nie si­cher, ob nicht doch ein Bild, ein Text oder etwas an­deres von mir den Weg in das Netz ge­schafft hat. Spä­tes­tens seitdem Un­ter­nehmen wie Face­book und Google Pro­file er­stellen und diese Technik immer weiter treiben, gilt der Satz: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“ nicht mehr. Was von analog zu di­gital wurde, kann je­der­zeit wieder Ein­fluss auf das analog nehmen. Es ist ja nicht ver­schwunden, son­dern viel­mehr dau­er­haft ge­spei­chert und, mit viel Pech, mil­lio­nen­fach ver­viel­fäl­tigt, ge­teilt und ver­wa­schen. In letzter In­stanz müsste die Kon­trolle von einer hö­heren Macht­be­fugnis aus­geübt werden. Doch der Staat ist es doch, der in einer Welt der Of­fen­heit eben nicht das Mo­nopol auf Kon­trolle haben soll und darf.

Die to­tale Of­fen­heit ist für viele Men­schen erst mal ein Schlag in das Ge­sicht. Für die unter uns, die für sich in An­spruch nehmen, vom In­ternet so­zia­li­siert worden zu sein, er­scheint es als der ein­zige Weg. Viel­leicht liegen sie richtig. Doch an­ge­sichts der Un­ter­nehmen, die nur neue Wege su­chen, um an Ka­pital zu kommen, er­scheint es frag­lich, wie viel Of­fen­heit sich der Ein­zelne leisten kann. Der Ge­danke ist jung, frisch und noch nicht reif. Viel­leicht greift ein Lauf­feuer um sich, aber wer je­mals in einem Verein tätig oder Be­triebsrat war, hat eine un­ge­fähre Ah­nung, wie lang der Weg für die Mensch­heit sein wird. Hin zu einer of­fe­neren und bes­seren Ge­sell­schaft. Letzt­lich ist es die Nackt­heit, die uns gleich­ma­chen würde, um eine to­tale Of­fen­heit erst zu er­mög­li­chen. Wäre ich Christ und gläubig, müsste mich dieser Ge­danke, die Idee der Nackt­heit doch be­flü­geln. Waren Adam und Eva nicht auch nackt vor sich und vor Gott im Garten Eden? Würden wir es heute besser an­stellen als die Beiden, weil wir die Schlange(n) be­reits kennen? Ich fürchte, die Schlange hat auch dazu gelernt.

Links zum Thema:

4 thoughts on “Nach dem Garten Eden — Post-Privacy

  1. Ich würde gleich alle Äpfel fressen. Denn die Er­kenntnis macht zwar vieles kom­pli­zierter, aber lust­voller. Von der reinen Be­gat­tung zum lust­vollen ero­ti­schen Spiel und so, Musik… Der Preis des Be­wußt­seins ist das Leid.

    Und wenn mein Ge­hirn wieder mit­macht, dann ver­suche ich diese Weis­heit auf Post­Pri­vacy zu über­tragen. Das geht! Ich weiß nur nicht wie!

  2. Erstmal ka­cken, dann schlafen. Ich denke, die PP ist ein­fach eine Ent­wick­lung wie die des Be­wußt­seins, der Auf­klä­rung und so. Das pas­siert, man kann es nicht auf­halten und viel­leicht ist man hin­terher sogar froh dar­über, weil es even­tuell sogar gute Seiten hat, die man vorher noch gar nicht er­ahnen konnte. Siehe Apfel. Pa­ra­dies ist ja ganz nett, aber doch etwas öde.

  3. To­tale Of­fen­heit ist ein noch völlig un­be­kanntes Ding, dass auf uns zu­kommt aber es währe ver­nünftig sich da­gegen zu wehren — zu­min­dest bis erste Stu­dien, Un­ter­su­chungen und Plan­spiele kommen. Wir mögen un­sere Pri­vat­sphäre nicht ohne Grund. Un­sere ganze Ge­sell­schaft ist darauf ge­baut, dass es sie gibt. Was soll kommen wenn sie weg ist?

Comments are closed.