Mit Post-Privacy wird die totale Offenheit und der Verlust der Privatsphäre in einem Begriff vereint. Aus ihnen ist die Vision einer neuen Öffentlichkeit entwachsen. Eine bessere, offenere und freiere Gesellschaft, so postulieren die Befürworter. Gegner behaupten natürlich das Gegenteil und verlangen nach wirksameren Datenschutzgesetzen. Beides ist schwerer Stoff, lässt man sich auf die Thematik ein. Was soll der normale Bürger damit anfangen?
Beide Seiten haben Probleme, weil sie extreme Positionen einnehmen. Totale Offenheit zum Beispiel kann ich für mich in Anspruch nehmen. Der Begriff der Offenheit, geht einher mit Wahrheit, Respekt und Verantwortung. Das heißt, wenn ich mich öffne, mit Menschen ernsthaft eine Beziehung aufbauen möchte, auch nur um eines Gespräches willen, verschreibe ich mich der Wahrheit. Da gibt es keinen anderen Weg. Die Wahrheit an vorderster Stelle ist so zu transportieren, dass dem Gegenüber nicht die Kinnlade auf den Boden fällt. Ich respektiere ihn als ebenfalls unverhüllten Menschen, wir beide haben das Visier offen. Zudem trage ich die Verantwortung für das was ich sage und was aus dem Gesagten gemacht wird. Es ist meine Aufgabe, den Anderen die Möglichkeit zu geben, mich zu verstehen.
Sich zu öffnen heißt, zwangsläufig seine Privatsphäre zu verlieren. In einem Gespräch gewähre ich thematisch gebundenen Einblick in alles, was mich betrifft. Meine Meinung, meine Erfahrungen, meine Gedanken oder weiterführenden Ideen. Dieser Umstand muss mir bewusst sein, führe ich öffentliche Diskussionen oder Dialoge. Machen wir uns nichts vor, in der Bahn oder im Großraumbüro wird dermaßen lax mit persönlichen Erzählungen umgegangen, dass spätestens zum Feierabend die Firma deine Schandtaten vom Wochenende kennt. In der Bahn erfahren wildfremde Menschen etwas über mich. Sie werden den Kopf schütteln, lachen oder sich schlicht und ergreifend nicht für mich interessieren. Nach dem Aussteigen haben sie es vergessen, weil sie keinen Kontext zu dem Gehörten haben.
Mit viel Pech hat jetzt aber schon der Kontrollverlust eingesetzt. Ich wähnte mich in meinem Gespräch in einem gekapselten Raum. Die Wände der Bahn oder des Büros wurden als Filter, Blockaden gesehen. Bis vor ein paar Jahren galt das auch noch so. Doch jetzt hat beinahe jeder Mensch ein Smartphone in der Tasche. Wer versichert mir denn, dass nicht einer meiner Bahnbegleitungen oder Kollegen ein Bild von mir geschossen hat und den Text mit Fotodokumentation twittert oder auf Facebook einstellt? Dann kommt die Gesichtserkennung und bei meinem nächsten Onlinebesuch schallt mir das Gelächter der Netzgemeinde entgegen. Das ist der wahre Kontrollverlust. Die Möglichkeiten der Datenübertragung von analog zu digital sind heute nahezu in Echtzeit möglich. Durch ständigen Ausbau der Technik kann sich auf lange Sicht niemand mehr der Diskussion um Post-Privacy entziehen.
Welche Mittel gibt es gegen den totalen Kontrollverlust? Entweder nur die totale Kontrolle oder die Akzeptanz der totalen Offenheit. Die totale Kontrolle kann der Einzelne für sich nicht übernehmen. Ich kann zwar darauf achten, möglichst wenig von mir preiszugeben, aber ich bin nie sicher, ob nicht doch ein Bild, ein Text oder etwas anderes von mir den Weg in das Netz geschafft hat. Spätestens seitdem Unternehmen wie Facebook und Google Profile erstellen und diese Technik immer weiter treiben, gilt der Satz: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“ nicht mehr. Was von analog zu digital wurde, kann jederzeit wieder Einfluss auf das analog nehmen. Es ist ja nicht verschwunden, sondern vielmehr dauerhaft gespeichert und, mit viel Pech, millionenfach vervielfältigt, geteilt und verwaschen. In letzter Instanz müsste die Kontrolle von einer höheren Machtbefugnis ausgeübt werden. Doch der Staat ist es doch, der in einer Welt der Offenheit eben nicht das Monopol auf Kontrolle haben soll und darf.
Die totale Offenheit ist für viele Menschen erst mal ein Schlag in das Gesicht. Für die unter uns, die für sich in Anspruch nehmen, vom Internet sozialisiert worden zu sein, erscheint es als der einzige Weg. Vielleicht liegen sie richtig. Doch angesichts der Unternehmen, die nur neue Wege suchen, um an Kapital zu kommen, erscheint es fraglich, wie viel Offenheit sich der Einzelne leisten kann. Der Gedanke ist jung, frisch und noch nicht reif. Vielleicht greift ein Lauffeuer um sich, aber wer jemals in einem Verein tätig oder Betriebsrat war, hat eine ungefähre Ahnung, wie lang der Weg für die Menschheit sein wird. Hin zu einer offeneren und besseren Gesellschaft. Letztlich ist es die Nacktheit, die uns gleichmachen würde, um eine totale Offenheit erst zu ermöglichen. Wäre ich Christ und gläubig, müsste mich dieser Gedanke, die Idee der Nacktheit doch beflügeln. Waren Adam und Eva nicht auch nackt vor sich und vor Gott im Garten Eden? Würden wir es heute besser anstellen als die Beiden, weil wir die Schlange(n) bereits kennen? Ich fürchte, die Schlange hat auch dazu gelernt.
Links zum Thema:
- Mein Problem mit Post-Privacy
- Post Privacy, Please!
- Datenschutz greift nicht mehr
- Privatsphäre war gestern
- Die datenschutzkritische Spackeria
- Fesselt die Datenschützer



Ich würde gleich alle Äpfel fressen. Denn die Erkenntnis macht zwar vieles komplizierter, aber lustvoller. Von der reinen Begattung zum lustvollen erotischen Spiel und so, Musik… Der Preis des Bewußtseins ist das Leid.
Und wenn mein Gehirn wieder mitmacht, dann versuche ich diese Weisheit auf PostPrivacy zu übertragen. Das geht! Ich weiß nur nicht wie!
Ulf, ich habe auch diese irre Idee, es geht. Vielleicht finden wir ja gemeinsam heraus, was zu tun ist.
Erstmal kacken, dann schlafen. Ich denke, die PP ist einfach eine Entwicklung wie die des Bewußtseins, der Aufklärung und so. Das passiert, man kann es nicht aufhalten und vielleicht ist man hinterher sogar froh darüber, weil es eventuell sogar gute Seiten hat, die man vorher noch gar nicht erahnen konnte. Siehe Apfel. Paradies ist ja ganz nett, aber doch etwas öde.
Totale Offenheit ist ein noch völlig unbekanntes Ding, dass auf uns zukommt aber es währe vernünftig sich dagegen zu wehren – zumindest bis erste Studien, Untersuchungen und Planspiele kommen. Wir mögen unsere Privatsphäre nicht ohne Grund. Unsere ganze Gesellschaft ist darauf gebaut, dass es sie gibt. Was soll kommen wenn sie weg ist?