Der Bumsschuppen

Gandhi on the Salt March, Sarojini Naidu on th...

Image via Wikipedia

Der mit Blut vermischte Rotz troff in langen Fäden in den Rinnstein und schwamm auf dem dort davonziehenden Glibber. Ignatz starrte einfach gradeaus. Nicht atmen. Nicht wehren, nicht schreien und nichts sagen. Sei eine Statue. Von der Seite kam zum letzten Mal eine in dreckigen Ärmeln steckende Hand und stieß ihn zu Boden. Die Jugendlichen grölten und rannten weg. Erst als er ihre Schritte nicht mehr von den Hauswänden widerhallen hörte, stand er auf und machte sich auf den Weg. Er folgte der grauen Straße durch die tristen Häuserschluchten der Stadt. Zerschunden sein Körper, gequält sein Wesen. Die Gegend sah immer unwirtlicher aus. Fensterscheiben wurden von Brettern abgelöst und wo eben noch dichter Qualm aus den Schornsteinen entwich, standen die Menschen nun eng zusammengedrängt an den Feuerfässern.

Die Wahrheit erschien ihm immer mehr als ein Bündel leblosen Fleisches. Die einfache Wahrheit lautete, dass man ihn nun seit Jahren quälte, weil seine Eltern in Ignatz genannt hatten. Die komplexe Variante lag in der Gesellschaft und der Politik begründet. Ignatz wusste dies nur zu genau. Viele in seinem Alter bekamen keine Chance. Abgestempelt, auf ewig. Seit ihrer Geburt. Aber so war das eben. Er hasste sie nicht, fühlte aber beinahe Mitleid mit ihnen. Sie spielten die Rolle der Opfer in ihrer Welt. So wie er auch. Doch Ignatz hielten sie alle für anders. Recht hatten sie. Er war intelligent. Sehr sogar. Aber wenn sie gewusst hätten, wie emotional verkümmert dieser Junge in Wirklichkeit war, vielleicht wären viele Dinge an ihm vorübergegangen.

Vor ihm wuchs der hohe Bretterzaun aus dem Boden, hinter dem die Welt für Ignatz besondere Gefühle bereithielt. Er ging noch ein paar Meter und folgte dem von bunten Plakaten beklebten Brettern um einen scharfen Knick herum. Er schaute kurz in alle Richtungen und schlüpfte dann durch die losen Bretter. Hielt sich sofort rechts und kroch zwischen einer alten Couch und einer stinkenden, fleckigen Matratze weiter. Nach schier endlosen Metern erreichte er das Haus, spähte gebückt durch das Fenster und klopfte dann zaghaft an das schmierige Glas. Eine Frau mit wuscheligen Locken erschien als Silhouette hinter der grauen und stockfleckigen Gardine.

Die Tür neben dem Fenster öffnete sich einen Spalt und er konnte schlüpfte rasch in das Haus. Die Frau, die nach Honig und Vanille roch, deren Wangen denen der Elfen aus alten Geschichten ähnelten, schob ihn in einen vom Flur abzweigenden Raum. Ignatz kannte das. Niemand durfte ihn sehen. Sie schloss die Tür und ihre Blicke trafen sich. Sie hatte rote Strapse an, sonst nichts. In dem alten Wandspiegel hinter hier konnte er die Striemen auf ihrem Rücken erkennen. Das Schwein hatte sie wieder gepeitscht. Wut kroch in ihm hoch. Als sie seine Gefühle bemerkte, machte sie einen Schritt auf ihn zu und flüsterte leise, fast unhörbar: „Nicht, kleiner Ignatz, das darfst du nicht zulassen. Keine Wut. Sie versperrt dir den Weg zur Lösung. Verblendet deine Gedanken, macht dich blind und du wirst in dem Strudel untergehen.“

Nachdem sein Gesicht von Blut, Tränen und Spucke gereinigt war, nahm er auf dem Stuhl an dem kleinen Tisch platz. Die Elfe streifte sich einen Bademantel über und holte hinter losen Wandbrettern einen Karton mit Büchern hervor. „Wir waren bei der Lehre von Gandhi“, erinnerte er sich an seinen letzten Besuch. Die ehemalige Lehrerin tat sich an seine Seite und schlug die Bücher auf. Und so kam es, dass hier, in diesem dreckigen Hinterzimmer eines Bumsschuppens, die Gestrandeten der Gesellschaft sich ein klein wenig ihrer Ehre und ihres Stolzes wiedergaben. Jeder auf seine Weise. Die dunkle, rohe und dumme Welt um sie herum, konnte ihnen nichts anhaben. Nicht in diesen Momenten. Wo er ganz Jugendlicher und sie ganz Lehrerin sein durfte. Jeder gab dem anderen ein klein wenig Hoffnung, dass es eines Tages endet. Bis zum nächsten Freier, bis zur nächsten Abreibung.

In dieser Welt wird Gewalt als normal angesehen. Wenn ein Tier ein anderes Tier frisst, hat das nichts mit Gewalt zu tun, sondern mit Überleben. Wenn aber Menschen sich untereinander Gewalt antun, so ist dies nicht eine Frage der Existenz, vielmehr die Unfähigkeit zum Konflikt. Gewalt hat viele Formen. Sie kann rein körperlich erfolgen oder auch in psychischer und sprachlicher Form. Gewalt als Konfliktlösung ist die Bankrotterklärung der Humanität und des Vertrauens in den Anderen. Wurde erst Gewalt angewendet, ist es unendlich schwer aus dem Sog, der ihr unweigerlich folgt, wieder herauszukommen.

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